Gerade habe ich einen interessanten Blog-Artikel gelesen. Dort beschreibt ein ehemaliger "High Level" World of Warcraft Spieler über seinen Ausstieg aus der Droge WoW. Vieles davon kommt mir bekannt vor. Ich selbst habe eine Weile mehr oder weniger regelmäßig WoW gespielt, auch wenn ich momentan keinen Drang verspüre mich wieder einzuloggen. Der Artikel beschreibt viele Dinge, die ich auch selbst an meinen Mitspielern feststellen konnte.
Da gibt es Spieler die man immer und jederzeit im Spiel antreffen kann. Egal ob morgens um 5:30 Uhr oder nachmittags um 15:00 Uhr. Man hört von Leuten die ihre Prüfungen vermasseln oder Semester "einfach nochmal" machen, weil sie lieber auf Raids1 mitlaufen um die Erfahrung und Items zu bekommen anstatt im Hörsaal zu sitzen. Da Raids meistens Abends oder am Wochenende stattfinden fallen sonstige Beschäftigungen auch flach.
Jeder sollte sich mal einen Abend Zeit nehmen und auf einem Voice-Chatserver eines Clans einmal einen Raid live mithören. Das ist keine freundliche Spielrunde in der man gemeinsam loszieht um Monster zu verhauen. Ganz im Gegenteil. Raids sind militärisch durchorganisiert, Teilnehmer die nicht "funktionieren" weil sie z.B. zu spät kommen oder früher weg müssen werden da schon mal mit mehr oder weniger ausgeprägter Verachtung gestraft. Bei der Verteilung der Beute kann es zu tumultartigen Ausschreitungen (Gott sei Dank nur der verbalen Art) kommen.
Die Anspannung bei solchen Events ist sehr groß. Man kann nur dann erfolgreich sein, wenn die ganze Truppe über Stunden hinweg fehlerfrei funktioniert. Da ist kein Platz für Spaß oder Improvisation. Man muss sehen das man sein Ziel erreicht, und zwar möglichst effektiv! Und um dort mithalten bzw. mitlaufen zu können muss man auch sonst regelmäßig im Spiel präsent sein. Da gilt es, neue Ausrüstung oder Fähigkeiten zu erwerben, was in stundenlangem Sammeln von Objekten oder dem Vernichten immer gleicher Monster enden kann (und es auch tut). Allein um möglichst viel virtuelles Gold zu verdienen verplant ein Spieler mit einer hohen Stufe sehr viel Zeit. Auch vor den jeweiligen Raids ist ein großer organisatorischer Aufwand nötig. Es muss eine Strategie geplant werden. Die Gruppen müssen zusammengestellt werden. Die einzelnen Spieler müssen die richtigen Items besitzen oder sogar erst besorgen.
Nach dem Raid geht der Aufwand weiter. Man muss sich einigen, wie die Beute danach verteilt werden soll. Zu diesem Zweck werden z.B. außerhalb des Spiels Listen geführt. Dort kann man je nach System nach verschiedenen Kriterien Punkte sammeln. Nach einem Raid kann man mit diesen "Punkten" um einen besonders begehrten Gegenstand bieten. Bieten mehrere Leute die gleiche Punktzahl, wird der Gegenstand dann wiederum zwischen diesen Leuten ausgewürfelt. Diese sogenannten "DKP"-Systeme sind nicht wirklich einfach. Wer sich damit wirklich mal auseinandersetzen will, hier ein Beispiel. Auch Wikipedia hat einen Artikel darüber. Die Systeme versuchen mit aller Kraft, es möglichst allen recht zu machen. Ob man da dann noch durchblickt ist die andere Frage. Das viele sich trotzdem ungerecht behandelt fühlen ist auch vorprogrammiert. Wer will schon gern mit leeren Händen dastehen, nachdem er gerade 3 Stunden den Weg zum Bossmonster freigekämpft hat.
Es gibt natürlich auch die andere Seite. Die Seite die schuld daran ist, das auch ich dort immer wieder meine Zeit verbringe. Man trifft interessante Leute die man so vermutlich nie kennengelernt hätte. Man hat ein gemeinsames Ziel, man kann sich selbst voranbringen und mit neuen Gegenständen und Fähigkeiten "belohnen", indem man weiterspielt. Die Spielwelt ist wunderschön gemacht und es macht Spaß, neue Gegenden und Personen kennenzulernen. Es gibt vielfältige Möglichkeiten sich zu beschäftigen und Spaß zu haben.
Ich für meinen Teil habe meine Online-Suchtzeit schon etwas länger hinter mir. Bei mir waren es nicht bunte Welten, sondern ASCII-Text. Meine Sucht hies damals UNItopia. Diese Welt gibt es schon seit 1992, also ein Jahr bevor das WWW (und der erste Browser) veröffentlicht wurde. Und die individuelle Kreativität ist dort noch um einiges höher als in WoW. Wenn ich meinen Statistiken trauen darf, ist mein Charakter in UNItopia 286 Tage 11 Stunden 4 Minuten 21 Sekunden alt. Das ist wohlgemerkt die reine Spielzeit! Es bedeutet, ich habe dort 286 Tage verbracht. Fast ein komplettes Jahr. Diese meine Spielzeit begann am 6. November 1997 um 20:26 Uhr, mit meinem ersten Login in dieser Welt. Und auch wenn ich jetzt eher wenig Zeit dort verbringe steigt die Zahl langsam weiter.
Ich habe dort schon zu spüren bekommen welche Sucht eine virtuelle Welt ausüben kann. Wenn man Abende und Nächte durchspielt um interessante Dinge zu erleben. Gerade wenn sonst im Leben nicht viel interessantes passiert. Aber ich hatte gute Freunde die mich hin und wieder geschnappt und nach draußen mitgenommen haben. Dafür kann ich ihnen im Rückblick nicht genug danken. Allerdings habe ich in UNItopia auch neue Freunde kennengelernt, viele davon will ich nicht mehr missen.
Vielleicht liegt es an meiner frühen Spielerzeit in UNItopia, das ich Spiele wie WoW jetzt mit mehr Abstand sehen kann. Oder ich gehöre einfach schon zur "älteren Generation"
. Ich werde wohl für immer einer der meistens belächelten "Freizeitspieler" in WoW bleiben. Einer der nur alle paar Wochen online ist. Ich habe immer noch nicht den höchsten Level erreicht, wo andere das bereits mit 10 verschiedenen Charakteren geschafft haben. Mir macht das nichts.
Ich will niemanden verteufeln der WoW spielt, ich spiele wie gesagt auch immer mal wieder gern dort. Aber man sollte sich einen Absatz aus dem Orginalartikel zu Herzen nehmen, und zwischendurch mal in den Spiegel sehen, ob man noch man selbst ist:
Why did I leave? Simple: Blizzard has created an alternate universe where we don't have to be ourselves when we don't want to be. From my vantage point as a guild decision maker, I've seen it destroy more families and friendships and take a huge toll on individuals than any drug on the market today, and that means a lot coming from an ex-club DJ.
http://soulkerfuffle.blogspot.com/2006/10/view-from-top.html
Every week I read though email or I would run into one of my "real" friends and I'd hear "Andy, what's up, I haven't seen you in a while." I looked in the mirror and in a cinemaesque turn of events and a biblical moment of clarity, told myself "I haven't seen me in a while either."
http://soulkerfuffle.blogspot.com/2006/10/view-from-top.html
Ihr Elfenmagier und Zwergenschurken, ihr untoten Priester und taurischen Druiden, passt gut auf euch auf. Habt euren Spaß, aber geht nicht in den virtuellen Steppen verloren. Denn dort wartet am Ende nur der Aus-Schalter.
1Für die nicht WoW Spieler: Ein Raid ist ein Event, bei dem eine größere Gruppe Spieler versucht, besonders starke Monster zu vermöbeln.